Severin Groebner: Der neue Adel heißt "Investor"

In seinem neuen Programm erzählt Severin Groebner eine erstaunliche Geschichte "Vom kleinen Mann, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf g'schissen hat". Ein groß angelegtes Kabarett-Märchen über Hochfinanz, Korruption und Freundschaft. Wir haben den Wiener Wahl-Deutschen zum Interview gebeten.

Es beginnt alles ganz harmlos in Severin Groebners neuem Solo: Ein paar Freunde im Park genießen ihre Freizeit mit einigermaßen skurrilen Gesprächen und Kartenspiel. Als sie erfahren, dass ihr geliebtes Refugium einem Einkaufszentrum Platz machen soll, will der Protangonist der Geschichte dies nicht so einfach hinnehmen und macht sich auf die Suche nach den dafür Verantwortlichen. Was dann folgt, ist eine ausufernde Geschichte, in deren Rahmen Groebner die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Befindlichkeit auf beeindruckend-erschreckende Weise seziert. Großes Kabarett von einem Künstler, der in seiner Wahl-Heimat Deutschland den Erfolg hat, den er auch hierzulande verdienen würde. In Interview mit kabarett.at spricht Severin Groebner über das neue Programm, seine Tätigkeit als Kolumnist, über die Unterschiede zwischen der Alpen- und der Bundesrepublik und einiges mehr.

Vor kurzem gab es die Wien-Premiere deines neuen Programms „Vom kleinen Mann, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf g`schissen hat“. Es handelt sich um ein „Kabarett-Märchen von einem der auszog, weil er es wissen wollte“. Worum geht es?
Es geht um Besitzverhältnisse, Macht, die angeblich unsichtbare Hand des Marktes, Freundschaft und einen Park. Ich glaub, es ist für jeden was dabei.

Man hat aktuell den Eindruck, dass sich viele von „denen da oben“ auf den Kopf geschissen fühlen, das „Volk“ verliert zunehmend den Bezug zu einer abgehobenen und egoistischen Elite in Wirtschaft und Politik. Daher die Frage an dich als langjährigen Kabarettisten und damit Beobachter sozialer Vorgänge: Ist es momentan so schlimm wie nie, was diese Spaltung der Gesellschaft betrifft?
Nein, es war schon mal so schlimm. Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Besitzverhältnisse etwa so verteilt wie heute. Ein nutzloser, aber reicher Adelsstand hat sich auf Kosten vieler anderer ein schönes Leben gemacht. Kann man bei Büchner nachlesen. Heute sind wir in etwa auch wieder da. Nur, dass der Adel jetzt „Investor“ heißt.

Und wie ist die diesbezügliche Situation in deiner Wahlheimat Deutschland im Vergleich zu Österreich?
In etwa gleich. Nur, dass in Deutschland offener darüber geredet wird, hab ich den Eindruck.

Du hast die Kabarett-Hochburg Wien schon vor langer Zeit verlassen und lebst nun schon seit vielen Jahren in Deutschland. Ein Blick auf deinen Tourplan zeigt, dass du auch hauptsächlich in Deutschland spielst. Kommt deine Art von Kleinkunst in der Bundesrepublik besser an?
Nein, das kommt eigentlich gleich gut an. Da wie dort. Dass ich in Österreich weniger spiele, liegt daran, dass manche österreichische Veranstalter - nicht alle, aber doch ein paar - ihrem Publikum nicht zutrauen, dass die mich verstehen. Und obendrein rufen sie nicht zurück, wenn man mit ihnen Kontakt aufnimmt. Wenn Sie also wollen, dass ich bei Ihnen in der Nähe auftrete, gehen Sie einfach dem Kleinkunstveranstalter vor Ort ein bisschen auf die Nerven.

Hast du eine Präferenz, wo du lieber spielst? Deutschland oder Österreich?
Das liegt nicht an der Nationalität. Am liebsten spiele ich dort, wo Theater, Leute und Essen und Trinken gleichmäßig lässig sind.

2013 hat man dir – dem Fahnenflüchtigen unter den Kabarettisten – den Österreichischen Kabarettpreis verliehen. War das überraschend für dich? Und hat sich seither deine Bekanntheit in Österreich gesteigert?
Welcher Fahne bin ich denn entflohen? Ich hab Zivildienst gemacht. Oder ist die Alkoholausdünstung gemeint? Egal: Der Österreichische Kabarettpreis war sehr überraschend und im selben Maße erfreulich für mich. Und natürlich schafft so etwas Aufmerksamkeit. Und zwei, drei neue Spielstätten sind in Österreich auch dazugekommen. Und das freut mich sehr.

In deinen Glossen für die Wiener Zeitung schreibst du regelmäßig über politische Themen, die auch in deinem Bühnenschaffen nicht selten sind. Gibt es da Synergien? Inspiriert dich die Arbeit für die Zeitung auch für deine Programme?
Ja, da gibt es natürlich sogenannte Synergie-Effekte. Themen, die ich in den Kolumnen mal bearbeitet habe, fließen vielleicht auch ins Programm ein. Andererseits gibt es viele Sachen, die die Leute gleich wieder vergessen würden. Die müssen schnell und aktuell in einer Kolumne abgehandelt werden. Das ist dann der richtige Platz dafür.

Was steht in näherer Zukunft noch am Plan? Hast du weitere aktuelle Projekte, oder widmest du dich vorerst ausschließlich dem Spielen des neuen Programms?
Ja, ein, zwei Ideen hab ich schon. Etwa ein Theaterstück und ein Buchprojekt. Und mal sehen, was noch kommt. Schaumamal, dannsengmascho, wie der Bayer sagt. Oder: The Book of the Future is unwritten… schon wieder was zum Schreiben!

Vielen Dank für das Gespräch!

In nächster Zeit gibt es einige Termine, an denen Severin Groebner mit "Vom kleinen Mann, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf g'schissen hat" in Österreich zu Gast ist: 07.-10.01.2015 im Theatercafé Graz, 09.04.2015 im Veranstaltungssaal Garsten, 10.04.2015 in der ARGEkultur Salzburg, 16.04.2015 in der Kulturwekstattt Kammgarn in Hard, 12. und 13.05.2015 im Kabarett Niedermair, Wien. Ebendort spielt Groebner von 05.-07.03.2015 anlässlich seines 20-jährigen Bühnenjubiläums drei exklusive Spezialabende. Alle weiteren Infos in unserem Kalender.

Interview vom 30.12.2014, 11:55 Uhr · rb
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